Das Mittel- und Oberstufentheater des Adam-Kraft-Gymnasiums beeindruckt mit einer selbst geschriebenen Collage über Geschlechterrollen, gesellschaftliche Zwänge und die Freiheit, man selbst zu sein.
Alles ist glänzend. Alles ist geschniegelt. Alles scheint perfekt. Hohe Schuhe, strahlendes Lächeln, makellose Körper, klare Rollen. Die Welt von Barbie und Ken kennt keine Zweifel – zumindest nicht auf den ersten Blick. Doch was geschieht, wenn genau diese Oberfläche Risse bekommt? Wenn Glitzerfassaden bröckeln und hohe Absätze schmerzen? Wenn eine scheinbar heile Puppenwelt plötzlich zur unbequemen Wirklichkeit wird?
Mit ihrer diesjährigen Produktion „Mehr als eine Puppe – a Barbie and Ken Story“, frei nach Greta Gerwigs „Barbie“, brachte das Mittel- und Oberstufentheater des Adam-Kraft-Gymnasiums einen unterhaltsamen und hochaktuellen Theaterabend auf die Bühne.
Unter der Leitung von Dr. Johannes Möhler entwickelte das 21-köpfige Ensemble ein Stück, das unterhält, entlarvt und verstört – in greller Überzeichnung, dann wieder bitterkomisch, manchmal überraschend still. Drei Abende lang war das Blaue Theater restlos ausverkauft. Wer dort saß, erlebte eine Auseinandersetzung mit einer Gegenwart, die uns alle betrifft.
Schon der Ausgangspunkt des Stücks ist klug gewählt: Barbie, die wohl berühmteste Puppe der Welt – Symbol für Schönheit, Erfolg, Weiblichkeit und Perfektion – steht für all die Bilder, die über Jahrzehnte hinweg in Köpfe eingebrannt wurden. Die Schülerinnen und Schüler nehmen diese Figur ernst, indem sie sie nicht ehrfürchtig behandeln. Sie spielen mit ihr, überzeichnen und zerlegen sie. Und sie führen sie hinaus aus ihrer künstlich perfekten Puppenwelt – hinein in eine Realität, die weder makellos noch gerecht ist.
Was dann folgt, ist eine Collage aus Szenen, Zuspitzungen und Kontrasten. Es entstehen Bilder, die verstören und nachwirken, aber das Publikum auch immer wieder zum Lachen bringen. Oftmals kippt der Tonfall: Komik schlägt in Beklemmung um, wenn eine scheinbar absurde Szene sich als erschreckend nah an der Wirklichkeit entpuppt. Diese Reibung macht den Abend wirkungsvoll: Das Lachen bleibt einem oft im Hals stecken, weil die Pointe auf etwas verweist, das erschreckend vertraut ist.
Dass die zahlreichen sexistischen Sprüche, machohaften Posen und entlarvenden Aussagen auf der Bühne nicht frei erfunden sind, sondern aus sozialen Medien stammen, verleiht dem Abend besondere Wucht. Dadurch wird deutlich, wie wenig manche Zumutungen tatsächlich überzeichnet sind. Die Bühne spiegelt hier keine ferne Karikatur – sie hält dem Alltag einen Spiegel vor.
In ihrer Inszenierung, die die Schülerinnen und Schüler selbst geschrieben haben, entwerfen sie ein Panorama gesellschaftlicher Rollenerwartungen. Frauen sollen stark sein, aber nicht zu dominant. Erfolgreich, aber nicht einschüchternd. Attraktiv, aber bitte nicht „zu viel“. Fürsorglich, belastbar, souverän – am besten alles gleichzeitig. Männer wiederum sollen durchsetzungsfähig sein, cool, klug, stark. Schwäche? Verletzlichkeit? Ein Ausbruch aus der Rolle? Undenkbar.
Dabei gelingt der Inszenierung das Kunststück, nicht in einfache Gegensätze zu verfallen. Das Stück zeigt, dass starre Rollenzuschreibungen alle einengen – wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Die Form der Collage verlangt dem Ensemble viel ab: schnelle Szenenwechsel, wechselnde Rollen, choreografierte Gruppenbilder, abrupte Stimmungswechsel zwischen Satire und Ernst. Die Schülerinnen und Schüler meistern diese Herausforderung mit beachtlicher Souveränität. Die Inszenierung lebt von spürbarer Spielfreude, präziser Körpersprache und sichtbarer Bühnenpräsenz.
Weil das Stück keinen klassischen Handlungsbogen verfolgt, kommt es auf Rhythmus und Timing an. Hier zeigt sich die Qualität der Arbeit. Die Szenen greifen ineinander, kontrastieren sich, kommentieren einander. Das Ensemble hält die Spannung über den gesamten Abend hinweg. Ein dramaturgischer Sog entsteht: vom grellen Schein zur unbequemen Wahrheit.
Auch technisch ist die Aufführung stimmig umgesetzt. Zwei Schüler sorgen mit zeitlich präziser Steuerung von Licht und Ton dafür, dass die zahlreichen Brüche und Übergänge klar markiert werden und jede Szene ihre eigene Atmosphäre erhält. Bei einer Inszenierung, die von Kontrasten lebt, ist diese technische Genauigkeit unverzichtbar – und sie gelingt eindrucksvoll.
Dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler den Text selbst entwickelt haben, gewinnt die Aufführung zusätzliche Authentizität. Hier wird kein fertiges Stück lediglich nachgespielt; vielmehr setzen sich junge Menschen mit Themen auseinander, die ihre Lebenswelt unmittelbar berühren – mit Schönheitsidealen, sprachlicher Herabsetzung, Leistungsdruck, Unsicherheit, Machtgefällen und dem Wunsch, sich den Zuschreibungen nicht länger beugen zu müssen. Dass dies mit Mut zur Zuspitzung und inhaltlicher Reife gelingt, beeindruckt.
Doch das Publikum wird nicht deprimiert aus dem Theater entlassen, denn das Stück endet bei aller Schärfe nicht in Hoffnungslosigkeit. Es bleibt nicht bei der Diagnose gesellschaftlicher Zwänge stehen; es öffnet einen Raum für Vielfalt und Selbstbestimmung. Unterschiedliche Lebensentwürfe dürfen nebeneinander bestehen: Mutter sein oder keine Kinder wollen. Karriere machen oder Hausfrau sein. Stark sein oder verletzlich. Führen oder zweifeln. Leben, ohne sich in eine Rolle pressen zu lassen.
Die Botschaft ist klar: Gleichberechtigung nimmt niemandem etwas weg. Sie gibt allen etwas zurück: Freiheit. Die Möglichkeit, jenseits von Erwartungen man selbst zu sein.
Deshalb ist „Mehr als eine Puppe“ weit mehr als eine launige Schulaufführung. Es ist ein mutiger und erstaunlich reifer Theaterabend, der sein Publikum nicht nur unterhält, sondern zum Weiterdenken anregt. Der große Applaus an allen drei ausverkauften Abenden war verdient. Beeindruckend war auch, was danach geschah: Intensive Gespräche im Foyer, Diskussionen über Geschlechterrollen, über Sprache, über Bilder und Erfahrungen.
Text: Ingrid Bentivoglio
Fotos: Dr. Johannes Möhler








